Der Gutachtenstil – die richtige Herangehensweise 

21.04.2021

  

Mit dem Gutachtenstil sehen sich Jurastudenten zu Beginn ihres Studiums mit einer fremdartigen Schreibtechnik konfrontiert. Der Stil stellt eine ganz besondere Vorgehensweise bei der Prüfung juristischer Fälle dar und ist gewöhnungsbedürftig. Hast du das System erst einmal verinnerlicht, bietet es dir jedoch eine wertvolle Stütze bei der Arbeit mit dem Gesetz.


 

Aufbau
Der Stil besteht aus vier Schritten: Dem Obersatz, der Definition, der Subsumtion und dem Ergebnis (auch Konklusion genannt). 

Der Obersatz stellt zunächst eine Art Einleitung dar, die beschreibt, worum es geht. Hier steht beispielsweise, ob du eine Sachbeschädigung prüfst oder ob zwischen zwei Parteien ein Vertrag besteht. 

Die Definition ist eine exakte Wiedergabe der zugrunde liegenden gesetzlichen Regelung. Dort schreibst du etwa, wann nach dem Strafgesetzbuch eine Sachbeschädigung vorliegt. 

Mithilfe der Subsumtion nimmst du anschließend die Definition Stück für Stück auseinander und analysierst den vorliegenden Einzelfall. 

In der Konklusion schreibst Du in einem Satz das Ergebnis Deiner Prüfung auf. 

 

Art der Formulierung
Überaus wichtig ist auch die Art und Weise, wie du die einzelnen Bestandteile des Gutachtens formulierst. Der Obersatz enthält immer nur eine Möglichkeit, aber kein Ergebnis. Du formulierst beispielsweise, dass ein Vertrag vorliegen könnte. Grund hierfür ist, dass du dies am Anfang nicht weißt. Die anderen Bestandteile sind als Tatsache zu formulieren. In der Definition schreibst du etwa, dass es sich um eine Sachbeschädigung handelt, wenn die oder die Voraussetzung vorliegt. Im Rahmen der Subsumtion führst du anschließend aus, dass im Fall etwas Bestimmtes passiert ist. Daher liegen die Merkmale vor oder nicht. In der Konklusion schreibst du dein Ergebnis auf.
 
Die Subsumtion
Der schwierigste Teil des Gutachtens ist die Subsumtion. 

Hierbei untersuchst du die einzelnen Bestandteile der Definition und sagst, ob sie vorliegen oder nicht. 

Im Beispiel der Sachbeschädigung prüfst du beispielsweise zunächst, ob eine Sache vorliegt. Ist dies der Fall, schaust du, ob die Sache fremd ist, ob Sie beschädigt ist und so weiter. Stellst du etwa fest, dass die Sache dem Täter gehört und daher nicht fremd ist, beendest du die Prüfung. Wenn ein Merkmal der Definition nicht erfüllt ist, ist das Gutachten für diesen Tatbestand in der Regel zu Ende. Etwas anderes gilt nur, wenn ein Hilfsgutachten verlangt wird. 

 

Verschachtelter Aufbau
Oft ist es notwendig, diese vier Arbeitsschritte im Gutachten immer wieder abzuarbeiten. Hierbei beginnst du jeden Prüfungspunkt mit einem neuen Untergutachten. 

Bei der Sachbeschädigung schreibst du beispielsweise, dass es sich bei einem bestimmten Gegenstand um eine Sache handeln könnte. Anschließend definierst du, was eine Sache ist und subsumierst, ob die Definition für deinen Fall passt. Wenn du anschließend prüfst, ob die Sache fremd ist, beginnst du von vorn. Somit besteht dein Gutachten meist aus vielen kürzeren Gutachten. 

 

Gutachten nicht ausufern lassen
Gerade in Klausuren ist Zeit ein lebensnotwendiger Faktor. Daher ist es angebracht, die Prüfung dort, wo es sich anbietet, abzukürzen. 

Ein Beispiel ist etwa die Prüfung einer Sachbeschädigung, wenn die Sache definitiv unbeschädigt ist. Hier schreibst du nur kurz in einem Satz, dass die Sache nicht beschädigt ist und eine Sachbeschädigung daher ausscheidet. Dadurch sorgst du dafür, dass dein Text nicht zu umfangreich ist und sparst Zeit. 

 

Beliebte Fehler
Im Rahmen eines Gutachtens gibt es verschiedene Fallstricke. Hierzu gehören zunächst die Wörter „weil“, „da“, „nämlich“ oder „denn“. Sie haben in einem Gutachten nichts zu suchen, da sie die Lösung voranstellen und sie erst anschließend begründen. Der vorherige Satz ist übrigens ein gutes Beispiel dafür. Ein weiterer beliebter Fehler ist das komplette Überspringen eindeutiger Tatbestände. Auch wenn im Sachverhalt etwas von einem Vertrag steht, ist dies zumindest kurz im Gutachten zu erwähnen. Auch wenn es unnötig erscheint, gehört das konsequente Abarbeiten von Prüfungspunkten zwingend zum Jurastudium.

Relevanz im Jurastudium
Das Erlernen des Stils ist entscheidend für dein Studium. Du benötigst ihn quasi überall. Sämtliche Klausuren sind auf diese Weise anzufertigen. Auch in den Hausarbeiten ist ein sicheres Beherrschen des Stils entscheidend, um zu bestehen.

Der Urteilsstil
Der Gegensatz zum Gutachten ist der sogenannte Urteilsstil. Hier steht die Lösung am Anfang und die Begründung kommt danach. Der Urteilsstil ist im Studium mit einigen Ausnahmen nicht gern gesehen und erst nach dem Ersten Staatsexamen wirklich relevant. Gerade als Anfänger ist es ratsam, auf den Urteilsstil komplett zu verzichten. Die ersten Klausuren gelten auch als Test für das Verständnis des Gutachtenstils. 




Redaktion/ Dekima Medien